Freitag, 13. November 2015
Feudalistische Relikte in der EU- Gegenwart


Wenn man lange in einem fremden Land lebt, begreift man zuerst die Andersartigkeit der Kultur und dann eventuell auch deren Hintergründe – den Einfluss der Geschichte etwa oder die grundlegende Mentalität. Prägnante landeskundliche Erlebnisse festigen und lenken die Einsicht. Von einem solchen Erlebnis ist hier die Rede.
Begibt man sich weit in das Landesinnere, einige Stunden weit weg von Bulgariens Hauptstadt, in die kleinen Orte der idyllischen Rhodopenlandschaft, können einem aufgeklärten Westeuropäer, obwohl er weiß, dass er sich in einem Teil des gemeinsamen Europas befindet, Ereignisse glauben machen, er sei in die Zeit des Feudalismus und die Blütezeit des Patriarchats zurück versetzt worden.
So erging es mir auf einem dreitägigen Ausflug Ende Mai 2006 kurz nach all den Anstrengungen der Prüfungen zum Deutschen Abitur, die wir hier in Sofia an der Deutschen Abteilung gerade absolviert hatten.
Ich fuhr also mit meinem zweiundzwanzig Jahre alten BMW zur Erholung und um mich mit meiner lieben Kollegin und Freundin, Sybille, und deren Familie zu treffen aus der Stadt in den kleinen Ort Trigrad. Man biegt kurz vor Plovdiv von der Sofioter Autobahn Richtung Burgas nach rechts ab, lässt das Balkangebirge linker Hand hinter sich und folgt weiter den kleinen, sich schlängelnden, oft unbefestigten Bergstraßen, die durch eine traumhafte Natur führen. Schon bald stellt sich der Effekt ein, der einen von all dem Großstadt- und Prüfungsstress in nur einem Augenblick in eine Zeitlosigkeit versetzt. Sobald man in die Aura von Bulgariens Gebirgen wie den Balkan, die Rhodopen, das Rila- , Pirin- oder Sofias Vitosha- Gebirge eintaucht, nehmen sie einen in den Bann. Man ist überwältigt von der Vielfalt der Schönheit und vor allem von der urigen Ursprünglichkeit und der natürlichen Liebe, die die Landschaft von ihrem Inneren her ausstrahlt: Kein Stress, einfach nur Ruhe, Sein und Frieden. So ist der Bulgare sehr naturverbunden und stolz und man erzählt immer wieder mit einem Lächeln folgende Legende: „Als Gott die Landschaft unter den Völkern verteilte, vergaß er die Bulgaren. Als er dies feststellte, gab er ihnen sein eigenes Stück Land.“ Man kann meinen, dass dem wirklich so sei. Kaum ein Weg ist künstlich angelegt, jeder Baum wächst wie er wächst Es ist wie es ist – ein Paradies der Natur, jedes Gebirge auf seine Weise. Die Rhodopen zeigen hier auf den ersten Blick vor allem ihre Kargheit und der Ursprungsreiz erhält seine Vollkommenheit durch die in den Höhen aus der Ferne wie weiße Punkte grasenden und kletternden Ziegen. Von der wilden Ungleichheit des Nebeneinander hat der Bulgare eine natürliche Toleranz jeglicher Individualität gegenüber gelernt, aber auch eine gewisse Rohheit und Sturheit wie man sie an ungemütlichen Tagen aus der Natur kennt.
Endlich angekommen, treffe ich Sybille mit Mann und Tochter, die ihren Dienstort Burgas für einige Tage verlassen hatte, um dort bei Bekannten ihre Ferien zu genießen. Gleich bei der Begrüßung zerschlägt sich mein Plan, in dem einzigen Hotel des Ortes zu übernachten, da aufgrund der freien Tage alle Zimmer ausgebucht waren. So werde ich eingeladen, das Bauernleben im wahrsten Sinne des Wortes zu erfahren- ein Erlebnis, das auf mich einen nachhaltigen Eindruck macht.
Die Unkompliziertheit und Gastfreundschaft der Leute auf dem Lande und vor allem die einfache Selbstverständlichkeit, auch die Bekannten von Freunden mit aufzunehmen, ermöglichen es mir, ebenfalls bei Familie Petrov mit zu übernachten.
Auf unserem ersten Spaziergang durch das Dorf sehen wir Frauen, die sich gemeinsam am Fluss treffen und ihre Wäsche waschen. Das Wasser ist glasklar und zeugt von der kristallenen Reinheit der gesamten Natur dort. Die Ärmlichkeit der Häuser wird von der Sonne so gütlich bestrahlt, so dass man meinen könne, gerade sie, so liebevoll eingebettet in die reiche Natur, sei ein Geschenk von wahrer Harmonie und Glück . In solchen Momenten fühlt man sich vollkommen und der modernen Gegenwart mit all ihren Problemen, dem Stress und der Aggression der Menschen fern. Nur schade, dass es so viel unbeseitigten Müll und Dreck gibt, sobald man sich einer kleinen Siedlung nähert.
Neben der dörflichen christlichen Kirche steht unmittelbar eine Moschee, die den unübersehbaren Einfluss des Türkischen Jochs, dem die Bulgaren mehr als 500 Jahre unterworfen waren und auf das sie all ihre Schuld für ihre Obrigkeitsunterwürfigkeit noch heute abwälzen, unübersehbar macht: Sie das kleine Volk mit heute acht Millionen Einwohnern, hatten nie eine Chance zu rebellieren gegen die Übermächtigen: Schicksal oder jahrhundertgültige Ausrede? Man fühlt einen Nationalstolz auf dem Boden von Thrakien und viele unterdrückte Angst- und Freiheitsgefühle, die aber unter keinen Umständen sich in einer Revolution entluden – nein, die Bulgaren haben keinen Tropfen französischen Blutes in den Adern, dafür aber eine von Schlauheit und List gekennzeichnete dienende Mentalität kreierten. Ja, einen starken freien Charakter formt das wahrhaft nicht – dafür aber genügend „Know- How“, um unter dem Deckmantel des benachteiligten Schwachen die Begünstigungen der jeweiligen Eroberer und Investoren geschickt für sich zu nutzen.
Das Haus der Familie Petrov hat ein zentrales Zimmer, die Küche, mit einem Herd wie zu Urgroßmutters Zeiten. In dem Zimmer versammelt sich die ganze Familie von der Oma bis zum Enkelkind bei glühender Hitze um die 50 Grad. Ansonsten ist es eiskalt im Haus, besonders in den Nächten, in denen in dieser Höhe im Mai das Thermometer noch fast unter Null Grad fällt. Die Oma sitzt dort jahraus jahrein und ist nach altslawischer Art mit mindestens drei dicken Pullovern und mehreren Röcken, ohne Schuhe, aber mit vielen Lagen dicker Strümpfe bekleidet, was sie wohl über die Jahre hinweg krank machte. Man kann sich lebhaft vorstellen, welchen Geruch es im Haus gibt. Für Körperhygiene interessiert sich, ausgenommen der jungen Frau, der Schwiegertochter, niemand dort. Die gesamte Zeit meines Aufenthaltes jammert und wehklagt die alte Frau, weil sie Schmerzen in den Knochen hat, was aufgrund der Lebensweise ja auch nicht verwunderlich ist. So verläuft der Alltag ohne große Empathie unter den Familienmitgliedern, und obwohl alle den Raum, zumindest zum Essen, frequentieren müssen, wird dem Unwohlsein der Oma kaum Beachtung geschenkt. Man könne ihr sowieso nicht helfen. Außerdem nimmt sie aus einer Schachtel mit englischer Gebrauchsanweisung eine Schmerztablette nach der anderen. Aber es hilft nichts mehr. Gern hätte ich ein Foto von all der ungewöhnlichen Einrichtung. Doch wage ich mir nicht, die alte kranke Frau darum zu bitten. Ihren ca. achtzigjährigen Mann redet sie nur mit „Starez“ an, was auf Deutsch so viel wie „Alter“ bedeutet. Ich kann mir vorstellen, dass das auch nicht besonders schmeichelhaft für ihn ist, aber er ist seinerseits auch ziemlich abgebrüht, rau und roh und gibt sich wohl schon seit seiner Jugend der so weit verbreiteten Volksdroge, dem Alkohol, hin. Tagsüber sieht man ihn in diesem Zustand auf dem kleinen Hof vor dem Haus mit einem alten Beil klobige riesige Baumstämme spalten. Wenn er mal eine kleine Pause einlegt, um seiner benebelnden Leidenschaft zu frönen, vergnügen sich die beiden fünf- und siebenjährigen Jungen mit dem großen Beil, was offensichtlich als normal gilt. Die Gefahr einer Verletzung scheint dort niemanden zu stören. Sonst tollen und toben die beiden Jungen mit den anderen Kindern und Tieren im ganzen Dorf herum. Da gibt es genügend Herausforderungen und Vergnügen für so kleine Eroberer. Verbote sind hier nicht nötig. Dazu kommt, dass der alte Mann das ist, was wir bei uns auf den Dörfern so landläufig mit dem animalischen Begriff „geiler Bock“ bezeichnen. Immer wenn ich an ihm vorbeigehe, versucht er mich anzufassen und mich an sich zu drücken. So beschließe ich nachts, das Zimmer, in dem ich wohne, von innen abzuschließen. Gott sei Dank beschert mir der Zufall einen passenden Schlüssel. Ansonsten ist das Zimmer eher ein eiskaltes, übelriechendes Loch bis auf die von der jungen Frau ordentlich gewaschene Bettwäsche. Sogar mein Kätzchen, Akasha, die gemeinsam mit mir zwei Tage dort verbringt, schläft die ganze Nacht eng an mich gekuschelt. Spürt sie die Kälte trotz ihres Felles oder ist es doch eher die allgemeine Unbehaglichkeit? Jedenfalls muss ich bei dieser Gelegenheit an die Sprachdiplomsarbeit einer Schülerin aus dem ersten Jahr meines Bulgarienaufenthaltes denken. Ihr Thema war „Inzest in der Familie“. Jetzt ist mir klar, wie präsent doch das Thema hier ist. Plötzlich kann ich mir vorstellen, dass dies Alltag ist, ohne dass sich einer darüber beklagt. Alle werden die Augen verschließen. Es ist einfach normal und wird wie eh und je toleriert.-
Das Wasser fließt direkt aus der Quelle durch ein Rohr in das Waschbecken der Küche, wo das soeben aus Anlass unseres Besuches frisch geschlachtete Schaf gewaschen wird, das wir heute Abend am Feuer grillen und essen werden. Auch gibt es eigenhändig erlegtes Wild.
Der Blick aus meinem Fenster führt direkt auf den Kuh- und Ziegenstall. Der kleine fünfjährige Sohn der jungen Familie melkt dort jeden Morgen die Kuh, deren Milch wir dann noch ganz warm und mit sehr viel Fett zum Frühstück gemeinsam mit einer typisch bulgarischen ofenwarmen Banitza, bestehend aus Blätterteig und Schafskäse, verspeisen werden, während die Kuh sich in der Zeit von selbst auf den Weg durch das Dorf bis auf die Weide aufmacht und erst abends allein zurück kehrt. Alles, was die Leute dort essen, bauen sie selber an – es ist also alles „bio“. Aber dreckig ist es trotzdem und ein himmelweiter Unterschied zu dem, was ein Mensch aus dem Westen unter „bio“ versteht. Es ist auch nicht hygienisch und stinkt im ganzen Haus. Man kann sich nur mit einer Schüssel waschen und ein Klo gibt es auch nicht. Aber die Idylle der Umgebung entschädigt für alles. Wir gehen wandern und steigen in eine unbefestigte Höhle hinab, in der es wertvolle Edelsteine gibt.


So kommt Freude in mein Herz. Auch kann man ganz allein in die Höhle hineingehen und darf alle Stellen betreten. Vorgeschriebene Wege und Führungen gibt es nicht.
Ein paar Kilometer weiter kann man ohne Helm auf einem gut ausgebildeten Pferd durch den glasklaren Fluss und in die pure Natur ausreiten.
Die junge Frau, die Mutter der beiden kleinen Jungen, hat sogar, wie sich herausstellt, einen Hochschulabschluss in Französisch und nach einigem Zögern spricht sie es auch perfekt.
Am Anfang ist sie vollkommen zurückhaltend, und ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sie ihre Sprachkenntnisse, die in dieser Umgebung ja nie zur Anwendung kommen, vergessen hat. Aber zuerst wagt sie es sich einfach nicht, denn in so einem Alltag wäre es sehr seltsam, französisch zu reden. Wen würde das interessieren? Wahrscheinlich würde es die anderen, abgesehen davon, dass sie es nicht verstehen würden, nur befremden. Sie tut mir irgendwie leid, weil sie den Absprung in ein anderes Leben nicht geschafft hat. Sie hatte nur eine Chance, aber die war vertan. Die einzige Möglichkeit war während des Studiums. Aber sie heiratete einen Mann aus dem Dorf, aus dem sie stammte. Nun ist sie traditionell Bäuerin und Hausfrau. Obwohl attraktiv, sie trägt auch eine intellektuelle Brille und sieht eigentlich sehr modern aus, ist ihre Ambivalenz unverkennbar. So passt sie einerseits gar nicht in die Strukturen, andererseits aber schon. Ja, sie ist das Produkt ihrer Umwelt und Erziehung und, wenn man ihre Abstammung betrachtet, auch ihrer Gene, denn die Tradition der Erziehung und die ländliche Kultur führen wohl immer noch auf die protobulgarische Zeit zurück, in der sich das kleine Reitervolk mit Pferden und Vieh auf den Weg vom fernen asiatischen Teil Sibiriens an der heutigen Grenze zur Mongolei nach Europa aufmachte und sich seine neue Heimat in der schönen Gegend um Veliko Tarnovo suchte, wo man heute noch hoch erhoben den Zarenpalast bewundern und an der jeweiligen Bauart erkennen kann, ob Römer, Thraker oder Bulgaren gerade die Sieger des elenden Strebens der Menschheit um die Herrschaft und Macht gewonnen hatten .-
Na, jedenfalls ist die Frau frustriert, wobei es ihr wohl nicht so recht bewusst ist. Ihre Kinder kann sie z. B. nicht erziehen. Man hört sie schon von Weitem schreien und sinnlose Anweisungen geben. Wir sind uns sicher, dass die beiden Knaben noch nie ein liebes oder erklärendes Wort gehört haben. Wie soll man in diesem Chaos und in einem Land, in dem das Wort „Organisation“ nur auf dem Papier existiert, und mit all der Arbeit und weil sie doch es selber nicht bei der eigenen Erziehung erfahren konnte, Kindern z. B. Tischsitten beibringen, sie zum kultivierten Essen anhalten?! Das war schlechterdings unmöglich, zumal sie Jungen erziehen soll, deren Wert von Geburt an über dem der Frauen steht. Sie aßen wie die Tiere und auch wann sie wollten.
Eine Chance auf Arbeit bekam sie auch an der örtlichen Dorfschule nicht, denn nach typisch bulgarischer Willkür stellen sie dort keinen Lehrer ein, den sie nicht selber „ausgebildet“ haben. Das heißt, die alten Lehrer geben, bevor sie in Rente gehen, ihr „Handwerk“ in einem Lehrjahr an einen Neuen weiter. Das sind meist Leute, die selber dort in die Schule gegangen sind und die der alte Lehrer dann für ein Jahr zu sich „in die Lehre“ nimmt. Vor Ort gelten eben die eigenen Regeln. Und wie heißt es doch so schön auf Bulgarisch: „Jedes Gesetz hat viele Türen.“ Oder: „Ein Gesetz ist wie ein Fußballtor auf einer großen weiten Wiese.“ Man kann sich also entscheiden hindurch zu gehen oder die breite Fläche der Wiese nutzen, um viel einfacher und ungeachtet dessen daran vorbeizugehen. „Kakvo moschem ga pravime?” “Nischto ne pravime.”- „Was können wir schon machen?“ „Nichts werden wir machen.“ „Eh mi, taka e.“ – „So ist es eben.“

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